Tallinn

Vor nicht allzu langer Zeit konnten mich keine zehn Pferde dazu bringen, mich zu Fuss von einem Ort zum anderen zu bewegen. Dies hat sich bereits in Singapore geändert und auch heute gehe ich noch gerne, insbesondere da ich ja meistens sitzend meine Zeit verbringe. Auf den eigenen Füssen lässt sich eine Gegend / eine Stadt immer noch am besten erkunden und man kann bei jeder Gelegenheit einfach stehen bleiben, die Einflüsse fliessen lassen und der Wahrnehmung den gebührenden Respekt erweisen.

Zurzeit bin ich in Tallinn auf dem City-Camping welcher sich ein paar Kilometer ausserhalb des Zentrums befindet. Die Stadt ist ein Beispiel an mittelalterlicher Historie und hat viele beeindruckende Bauten zu zeigen. Auch die Bewohner geben sich diesem Bild völlig hin und diverse Kneipen oder Restaurants stellen sich in entsprechender Manier dar. Mit derben Holzbänken, deftigen Speisen und Honig- wie auch Gewürz-Bieren. Dem kommt erschwerend noch dazu, dass die Bedienungen alte Trachten tragen um das Bild zu vervollständigen.

Tja, und ich bin der festen Überzeugung, dass ich heute wohl von der schönsten Frau Estlands bedient wurde, welche eben eine solche Tracht trug. Sie schenkte mir ihr Lächeln und versüsste mir meinen Tag auf unbeschreibliche Weise. So wurde mir wieder mal bewusst, dass die Dualität des Lebens in jedem Moment zum tragen kommen; kein Schatten ohne Sonnenschein :)

Bekehrung

Auf die Fertigstellung vom Bus wartend, verbrachte ich meine Zeit in Šiauliai. Eine mittelgrosse Stadt welche sich gleich in der Nähe vom Berg der Kreuze befindet. Viel Spannendes zu sehen gab es leider nicht, doch gibt es im Zentrum eine nette Fussgängerzone mit diversen Kneipen und Bar’s, welche ich nun fast alle kennen gelernt habe ;) Wie üblich merke ich schnell wo’s mir wirklich gefällt und suche die entsprechende Lokalität immer wieder auf.

Am Samstag Nachmittag schienen sich verschiedene Religionen bekannt machen zu wollen. Zuerst sah ich einige Anhänger Hare Krishnas welche lautstark singend durch die Gegend zogen. Friedlich und freundlich, winkend und lächelnd. Sie wirkten sehr entspannt und hatten einen erstaunlich guten Einfluss auf die Menge. Auf meinem weiteren Weg wurde ich von eine Gruppe Mormonen angesprochen, welche in ihren Anzügen bei starkem Sonnenschein doch sehr zu kämpfen hatten. Ich erzählte dem einen, dass ich Atheist sei (was so zwar nicht ganz stimmt) und er wohl ein wenig Mühe habe würde mich zu bekehren. So haben wir uns ein wenig unterhalten, von einander erzählt, über die singende “Konkurrenz” diskutiert und zum Schluss einander gutes Gelingen gewünscht. Irgendwie mag ich die Gespräche mit wirklich überzeugten Menschen, welche sich bewusst zu einer Richtung bekennen und auch versuchen sich im ungezwungenen Sinne mitzuteilen.

Stimmung

Berg der Kreuze

Das war wirklich total schräg anzuschauen. Anscheinend tauchten bereits 1831 die ersten Kreuze auf (nach einer brutalen Unterdrückung eines Aufstandes durch den Zaren). Die Anzahl der Kreuze wuchs bis 1961 der Berg durch die sowjetische Herrschaft planiert wurde. Trotzdem sammelten sich erneut Kreuze und das Spiel wiederholte sich 1973 und 1975. Zudem wurde das Gelände mit Jauche begossen, doch schien diese keinen wirklich zu stören. Die Kreuze tauchten wieder auf und werden bis anhin angehäuft.

Abgeschleppt

Am letzten Donnerstag führte mich mein Weg quer durch Litauen in Richtung Riga. Dahin suchte ich mir noch einen gemütlichen Platz um die Nacht zu verbringen und traf per Zufall auf zwei Luzerner, welche ebenfalls einen Europatrip durchleben – nur ein wenig ausgedehnter und im Anschluss noch Südamerika befahren. War doch schön wieder Schweizerdeutsch zu sprechen und sich ein wenig auszutauschen.

In der Nacht hatte ich – wie so oft auf meiner Reise – einen total schrägen Traum. Ein Teil davon zeigte mich in einem Fahrzeug mit vier platten Reifen (ich scheine irgendwie traumatisiert zu sein) was ein Weiterkommen unumstritten verhinderte.

In jedem Fall fuhr ich am nächsten Tag los um meine letzte Sehenswürdigkeit in Litauen zu bestaunen, kam jedoch nicht besonders weit. Nach ca. 20 km bemerkte ich, wie die Kupplung nach dem Schalten sehr langsam zur Ausgangsstellung zurück federte, dachte mir aber nix dabei. Beim zweiten Mal begann ich mir Sorgen zu machen und bei dritten Mal war’s aus und vorbei. Die Kupplung liess sich überhaupt nicht mehr durchtreten und verhinderte somit das Schalten vollständig.

Am Vortag habe ich mir noch überlegt, wozu ich eigentlich Unmengen von Geld für eine Versicherung ausgebe, welche ich so oder so nicht benötigte, und wusste nun auf Anhieb, dass ich mich getäuscht hatte ;) Die Abschlepperei verlief reibungsfrei und wir wurden vor einer VW-Garage abgesetzt. Da bereits Freitag war und die Jungs vor Ort doch sehr beschäftigt schienen, teilte mir der Zuständige mit, dass sie wohl erst am Montag oder Dienstag dazu kommen würden, sich den Bus überhaupt einmal anzusehen und ich machte mich auf mind. eine Woche warten gefasst. Die Überraschung war gross, als ich am Samstag einen Anruf bekam, dass sie einen Arbeiter für Überstunden aufgeboten haben und der Bus bereits repariert sei. Dieser exzellente Service wog alles Negative auf was ich in Frankreich erlebt hatte! Ich verbrachte also ein gemütliches Wochenende in der Stadt und holte meine Schatz somit am Montag Morgen ab.

Kernavè

Hier befindet sich die wichtigste Grabungsstätte Litauens und ist seit 2004 UNESCO-Welterbe. Es handelt sich dabei um fünf grosse Hügel, auf welchen sich mittelalterliche Wälle und Befestigungsanlagen befanden.

Das geniale an diesem Ort ist die wunderschöne Aussicht und das Ausbleiben der Touri-Massen. Eine enorm friedliche Stimmung und Ruhe breitet sich aus und lädt zum Verweilen ein.

Litauen

Polen hat mich bis auf die Karpaten nicht interessiert, doch hatte ich keine Lust die ganze Kurve nach unten durchzuziehen. So bin ich einmal quer durch mit einer Rast in einem Campingplatz und einmal auf einer Raststätte.

Heute bin ich endlich in Litauen angekommen und habe einen wirklich wunderschönen Platz direkt an einem kleinen See gefunden. Hier ist alles sehr ruhig und friedlich, kein störender Lärm von einer Strasse oder einer Stadt, da alles von einem grosszügigen Wald umgeben ist. Das Ufer des Sees ist gesäumt von Schilf und in einer Ecke würde eine schöne Wiese Platz für ein geniales Haus am See bieten. Dies wäre wirklich der perfekte Platz für solch eine Geschichte.

Gemäss den Besitzern läuft das Geschäft sehr schlecht und ich sei der einzige Camper hier vor Ort – nur einige Bungalows sind durch andere besetzt. So könnte man diesen lieben Leute das Gelände bestimmt für einen zahlbaren Betrag abkaufen und den Traum am See hinstellen ;)

Ein einheimischer Gast, welcher in Irland lebt und seine einzige Woche Ferien hier verbringt (muss ein scheiss Job sein – aber wohl besser als keinen zu haben) hat mich angesprochen und von seiner Heimat geschwärmt. Er meinte, dass das Beste hier in Litauen die Seen sind und es zahlreiche davon gebe. Ich konnte ihn in seiner Hingerissenheit nur bestätigen!

Alter Jüdischer Friedhof

Unterwegs habe ich mir einige Friedhöfe angeschaut, doch kann ich mit den katholischen, gradlinige und geplanten Ruhestätten nicht wirklich viel anfangen. Sie sind mir zu normiert, eingeteilt und langweilen mich. In Prag hingeben findet sich der alte jüdische Friedhof im Josefov-Viertel. Dieser hat eine enorm eindrucksvolle Wirkung aufgrund des Verfalls und der chaotischen Anordnung.

Prag

Kurz vor Prag habe ich einen Campingplatz aufgesucht, da das Wetter doch sehr regnerisch war und ich die Stadt bei guter Witterung besuchen wollte. Das Warten scheint sich gelohnt zu haben und ich wurde mit strahlendem Sonnenschein beglückt :)

Prag hat mich vom ersten Moment an fasziniert.. eine geniale Stadt! Ich war zwar nur ein paar Stunden vor Ort doch bin ich enorm begeistert. Schon alleine die unzähligen zu bestaunenden Bauwerke sind eindrucksvoll, und ich war nicht der einzige Visitor. Dort wimmelt es regelrecht von Touris und die Einheimischen versuchen offensichtlich denen aus dem Weg zu gehen. Witzig waren die auf Hochglanz poliertenTussen zu sehen, welche hochnäsig und angeekelt an den Massen vorbei drängen um so schnell wie möglich zum nächsten Frisörtermin zu gelangen. Weitere Gestalten wie die alkoholisierten Penner sind ebenfalls anzutreffen und reihen sich an die unauffälligen Typen welche mit illegalen oder unseriösen Geschäften locken wollen.

Der eine Tag war definitiv zu wenig. Insbesondere reizt mich noch dass sagenumwobene Nachtleben mit diversen Bars, Clubs und Jazz-Kneipen. Mit dem Bus ist das leider ein wenig unpraktisch. Darum werde ich wohl in naher oder ferner Zukunft ein zentrales Hotel buchen und für einige Tage die ganze Stadt mit allem drum und dran erkunden.